Umschlungen, zwei gelbgrüne Zornnattern auf Sardinien

Die zweite Chance – Zornnattern auf Sardinien

Ist es dir auch schon passiert, dass du eine spannende Fotosituation vor der Linse hattest, und dann, im entscheidenden Moment die Aufnahme vermasselt hast? Zuwenig Schärfentiefe, ungeschickte Kamerapositionierung, es gibt ja so viele Möglichkeiten, in der Aufregung des Geschehens etwas zu übersehen. Ich halte sehr viel davon, misslungene Fotos nicht einfach zu löschen, sondern bei der Bildsichtung zu analysieren, was bei Kameraeinstellungen, Perspektive, Bildgestaltung besser gewesen wäre. Um mit diesem Wissen besser vorbereitet, auf eine zweite Chance zu warten.

Samtkopfgrasmücke, (Sylvia melanocephala), Männchen auf Sardinien
Foto 1, Samtkopfgrasmücke, (Sylvia melanocephala), Männchen

Die erste Chance

Vor 10 Jahren hatte ich auf Sardinien – bei der Pirsch auf die schönen kleinen Samtkopfgrasmücken – plötzlich zwei heftig ineinander verwickelte gelbgrüne Zornnattern vor mir. Das Teleobjektiv war also zum Glück schon auf der Hand. Eine Paarung? Mehr dazu unten. Auf jeden Fall etwas, das man nicht alle Tage sieht.

zwei gelbgrüne Zornnattern (Hierophys viridiflavus) auf Sardinien
Foto 2, zwei gelbgrüne Zornnattern (Hierophys viridiflavus) auf einem Wanderweg

Zornnattern werden bis 1,80 Meter lang und können bis 11 km/h schnell sein, heißt es (Quellen: Wikipedia und Lacerta bilineata). Zwei so große Schlangen in Bewegung sind respekteinflößend. Näher ran zugehen war für mich damals keine Option. Wenn Schlangen sich bei der Paarung gestört fühlen und versuchen, davon zu huschen, kann das für die Tiere schmerzhaft werden. Auf die Idee, die Fotos auf Augenhöhe, also aus der Froschperspektive zu machen, kam ich in dem Moment nicht. Damit hätte ich den Fokus besser setzen und die Tiere etwas schöner vom Untergrund freistellen können. Dumm gelaufen! Die zweite Chance ergab sich erst nach 10 Jahren Wartezeit.

Schlangenarten auf Sardinien

Zeit genug, mehr über Schlangen im Allgemeinen und speziell Zornnattern auf Sardinien zu recherchieren. Nach meinen Recherchen kommen diese fünf, allesamt ungiftigen, Schlangenarten auf Sardinien (natürlich) vor:

  • Sardische Ringelnatter (Natrix natrix cetti), bis 2 Meter, sehr selten
  • Äskulapnatter (Zamenis lineatus), bis 2 Meter, selten bis sehr selten, verschiedene Brauntöne, klettert auch auf Bäume
  • Vipernatter (Natrix maura), bis 1,30 Meter, oft in/um aquatische Lebensräume, bräunlich-rot
  • Hufeisennatter (Coluber hippocrepis), bis 1,40 Meter, wurde früher bei den Zornnattern eingeordnet, „farbigere“ Zeichnung, klettert auch auf Bäume
  • Gelbgrüne Zornnatter (Hierophys viridiflavus), bis 1,80, lt. anderen Quellen bis 2 Meter lang
Foto 3, eine Natter zeigt sich für einen winzigen Moment, bevor sie wieder im Gestrüpp verschwindet

Die gelbgrüne Zornnatter

Gelbgrün ist die gelbgrüne Zornnatter nicht wirklich. Ausgewachsene Tiere erscheinen eher schwarz-gelb. Es soll auch eine vorwiegend schwarze Form geben. Es ist besser, sie nicht zornig zu machen, heißt es. Den Namen hat sie bekommen, weil sie, wie die Hufeisennatter auch, als reizbar gilt. Sie könnte zubeißen, und das soll nicht so angenehm sein, lese ich auf dieser Reptilienseite. Sie sind auf Sardinien nicht selten, einzelne Tiere sehe ich immer wieder einmal, meistens nur für Sekundenbruchteile. Das geht oft so schnell, dass danach noch nicht einmal sicher gesagt werden kann, um welcher der oben genannten Arten es sich gehandelt hat. Soviel zum Thema, aggressiv, zornig, bissig. Das kann ich aus eigenen Beobachtungen nicht bestätigen. Gelegentlich findet man auch schöne, silbrig schimmernde Teile einer abgestreiften Haut im Gras. Leider manchmal auch platt gefahrene Exemplare auf der Straße.

Eine junge Vipernatter (Natrix maura) auf Sardinien im Wasser,
Foto 4, Eine junge Vipernatter (Natrix maura) im Wasser,

Die Vipernatter

Als zweite Schlangen-Art auf Sardinien habe ich die im und am Wasser lebende Vipernatter (Natrix maura) kennengelernt. Die zwei Jungtiere, die ich durchs Teleobjektiv beobachten konnte, zeigten Drohgebärden. Nicht wirklich motivierend, um noch näher ran zu gehen und in Bodennähe auf Augenhöhe weiter zu fotografieren. Zumal ich das Bestimmungsbuch, das mir die Art als ungiftig angab, erst hinterher konsultieren konnte. Im Internet wird das gespielte Drohverhalten „mit Fauchen und Imitieren eines Giftbisses“ als „für Menschen harmlos“ beschrieben (Quelle: Reptilica). Ich fand die Vorführung der beiden Kleinen überzeugend. Da Vipernattern recht alt und dann bis 1,30 Meter lang werden können, warte ich auch hier auf meine zweite Chance. In der Hoffnung, dass ein älteres, größeres Tier leichter zu fotografieren ist. Gelungen ist das meinem Fotofreund Franco Spanedda aus Cuglieri in Santa Caterina am Fluss. Er beschrieb sie mir als „mindestens 1 Meter lang und so dick, wie eine Bierflasche“. Hier sein Foto des davon huschenden Tieres, aufgenommen bei wenig Licht mit ISO 2000@f6.3 und 1/90s. Vielen Dank für das Foto, Franco!

Foto 5, Eine ältere Vipernatter (Natrix maura), Foto: Franco Spanedda

Die zweite Chance

Eine zweite Chance wurde 10 Jahre nach dem ersten Erlebnis mit den wild umschlungenen Zornnattern im letzten Mai wahr – und warf gleich wieder Fragen auf. Zwei Zornnattern wiegten sich, umeinander gewunden, mit kräftigen Bewegungen am Boden hin und her.

Umschlungen, zwei gelbgrüne Zornnattern auf Sardinien
Foto 6, Umschlungen, zwei gelbgrüne Zornnattern

Dieses Mal war klar, dass die Kamera so bodennah wie möglich liegen sollte. Was mich immer noch Überwindung kostete. Das Zurückweichen nach hinten, falls der Schlangentanz sich auf mich zu bewegen sollte, funktioniert einfach langsamer, wenn man aus der Hocke aufspringen will.

Foto 7, der Schärfentieferaum reicht nur für einen der beiden Köpfe, @f9.5

Aber, wie geplant, war es in dieser Position sehr viel einfacher, den Fokus präzise auf ein Auge zu legen und den schnellen Bewegungen dann mit dem Fokusmessfeld zu folgen. Wobei es fast unmöglich war, die Augen beider Tiere gemeinsam im Schärfentieferaum einzufangen. Vermutlich fühlen sich die Tiere auch weniger gestört, wenn Beobachter nicht aufgerichtet, sondern hingehockt und damit weniger groß, in Erscheinung treten. Dieses Mal war der Hinter-/Untergrund, ein Feldweg. Von der Bildästhetik her fand ich das etwas langweilig. Irgendwas ist immer 🙂

Foto 8, Glück gehabt, beide Augen im Fokus, auch @f9.5

Die Kraft, Eleganz und Geschwindigkeit der Bewegungen waren faszinierend. Das Ganze hatte etwas von einem Tanz- oder Kampf-Ritual, bei dem wechselnde Figuren gezeigt werden. Bei der Bearbeitung der Raw-Daten war mein erster Ansatz, die Bilder im 16:9-Format zu beschneiden, weil die langen Schlangenleiber das klassische 3:2-Format sprengen, wenn alles vom Kopf bis zur Schwanzspitze drauf sein soll. An Ende gefiel mir dann aber von der Bildharmonie her doch das 3:2-Format mit einem Anschnitt zugunsten des vorderen Körperbereichs besser.

Die Tiere gaben mir über 10 Minuten Zeit für die Aufnahme mehrere Fotosequenzen, bevor sie ins Gestrüpp abwanderten. Dabei dachte ich zunächst, eine Paarung zu fotografieren. Die Paarungszeit geht vom Ende des Winters bis Mitte Mai. Das würde also passen. Später studierte ich meine Fotos und die Informationen zu dieser Art genauer und lernte, dass ein ähnliches Verhalten auch bei männlichen Tieren als ritualisiertes Kräftemessen (Kommentkämpfe) beobachtet wird. Was hatte ich jetzt fotografiert? Paarung oder Kräftemessen?

Ich zeigte die Fotos einem Bekannten, der schon viele Zornnattern gesehen hat. „Ist doch klar“, sagte er. „Wenn die zwei gleich aussehen und gleich lang sind, sind es zwei kämpfende Männchen. Sind sie unterschiedlich gezeichnet oder unterscheiden sich in der Länge, ist es eine Paarung. Das kleinere Tier ist dann das Weibchen.“ Wenn das richtig ist, zeigt das Foto Nr. 2 weiter oben eine Paarung. Während meine „zweite Chance“ den Schaukampf zweier männlicher Zornnattern festhielt.

Foto 10, Und tschüss – bis zur dritten Chance?

Warten auf Chance Nummer 3

Für mich als Anfängerin in Sachen Zornnattern ist das schwer zu beurteilen. Vielleicht schenkt mir die Natur in diesem Mai eine dritte Chance? Mit der Gelegenheit, noch genauer auf die entscheidenden Details, Unterschiede oder Übereinstimmungen zu achten? Das Spannende an der Naturfotografie ist der ständige, nie endende Lernprozess. Sowohl fotografisch, als auch beim Naturverständnis. Das Beobachten, Recherchieren und Entdecken von Zusammenhängen ist dann mindestens so interessant, wie die dabei entstehenden Fotos. Die in ihrer Summe vielleicht sogar eine Geschichte erzählen können.

2 Kommentare

  1. Liebe Michaela,
    danke für die tollen Fotos und vor allem die Erkenntnisse zu den Schlangen. Hier in Deutschland sieht man Schlangen zufällig eigentlich nie. Vor vielen Jahren bei einem Libellenfotokurs bei Dir am Bodensee haben wir mal eine Ringelnatter gesehen. Ansonsten ist das für mich absolute Fehlanzeige. Dabei finde ich Schlangen durchaus faszinierend. Naja, giftige Tiere ohne Glas dazwischen natürlich nicht, aber ich habe durchaus schon in Schlangenhäusern ungiftige Tiere angefasst. Die fühlen sich an wie „warme Handtasche“.
    Und die Farben und Bewegungen haben in ihrer Vielfältigkeit was beeindruckendes. Was sich die Natur so alles einfallen lässt…
    Liebe Grüße und viel Glück bei Chance Nummer 3 – Ommmmmm
    Gisela

    1. Liebe Gisela,
      vielen Dank für deinen Kommentar und die guten Wünsche für die 3. Chance. Du bekommst als erste ein Foto zugeschickt, wenn es wahr werden sollte. „Warme Handtasche“ ist klasse, das werde ich der nächsten Zornnatter, die ich treffe, ausrichten. 🙂
      LG
      Michaela

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert