Der besondere Moment – Wildpferd-Fotografie auf Sardinien
Das auf 500-609 m.ü.N.N. gelegene Hochplateau der Giara di Gesturi bietet mit seinen steil abfallenden Flanken den kleinen sardischen Wildpferden und zahlreichen anderen Tier- und Pflanzenarten einen geschützten Lebensraum. In diesem Frühling war ich mit einem ganz konkreten Wunsch insgesamt fünf Tage dort zur Wildpferd-Fotografie unterwegs. Ich wollte versuchen, mit der Kamera den Moment einzufangen, in dem die Tiere in schneller Bewegung und bei Rivalenkämpfen zu sehen sind.
Der Ursprung der Wildpferde auf Sardinien
Man vermutet, dass das Giara-Pferd (Equus caballus jarae) in der Eisenzeit mit den Phöniziern auf die Insel kamen. Bis ins 19. Jahrhundert lebte es an verschiedenen Plätzen im Inselinneren. Mitte der 60er Jahre war der Bestand auf 150-200 Tiere zurückgegangen. Warnungen von Wissenschaftlern und Naturschützern initiierten Schutzmaßnahmen. Aktuelle Schätzungen sprechen von 450-600 Wildpferden auf der Hochebene der Giara.
Die Merkmale
Das Büchlein „I Cavallini della Giara“ beschreibt die charakteristischen Merkmale so:
- Widerristhöhe 1,20-1,40 Meter
- lange Mähne und langer Schweif
- drei Farbvarianten, Beispiele geben die beiden Fotos oben
- Fell, Mähne, Schweif schwarz
- Fell rotbraun, Mähne, Schweif und Füße dunkel
- Fell rotbraun, Mähne blond
Die Mähne hängt bei manchen Tieren wie ein Vorhang vor den Augen und schützt diese vor aufdringlichen Fliegen. Der lange Schweif kann bis zum Boden reichen und wird auch zum Fliegenverscheuchen eingesetzt.
Keine Sichtungs-Garantie
Die maximale Ausdehnung des 4300 Hektar umfassenden „Parco della Giara“ beträgt in der Länge 14 Kilometer, in der Breite sind es 6,5 Kilometer. Der Umfang beträgt 37 Kilometer. Frühe menschliche Siedlungstätigkeit ist unter anderem durch 22 Nuraghen-Überreste belegt, die an den Aussichtspunkten rund um die Hochebene liegen. Am Eingang eines der vier Zugänge fragte ich bei meinem ersten Besuch vor elf Jahren etwas naiv den freundlichen Ranger, wo denn die Pferde zu sehen wären. „Es sind Wildtiere, sie sind mal hier, mal da“, gab er mir mit einem Lächeln zur Antwort. Das heißt, eine Pferde-Sichtungs-Garantie gibt es nicht. Die Giara ist kein Zoo. Respektvolle Distanz wird auf den Informationstafeln von den Besuchern eingefordert. Die Aufenthaltsorte der Herden variieren je nach Jahreszeit, Tageszeit und Nahrungsangebot.
Meine bevorzugte Jahreszeit für einen Besuch ist der Frühling – mit Exkursionen zum ersten Morgenlicht und am späten Nachmittag bis zum Abend. Eine längere Wanderung durch Korkeichenwald, über Lichtungen mit blühendem Affodil führt zu den Marschwiesen-Teichen (Paulis), wo mit einigem Glück Pferde zu sehen sind. Ein junges Wildpferd, das sich inmitten weißer Wassergänseblümchen (Ranunculus revelieri) im Morgenlicht im Wasser spiegelt ist ein atemberaubender Anblick. Das Licht der Goldenen Stunde am Abend auf einem schwarzen Wildpferd im gelben Blütenmeer ebenfalls.
Die Fondazione Altopiano della Giara erklärt den Begriff Pauli wie folgt: „Die Paulis sind besondere Lebensräume, die die Hochebene der Giara prägen. Es handelt sich um temporäre Teiche, die sich in den Vertiefungen des Lavastroms befinden, der durch die pliozänen Eruptionen der besuchbaren Krater Zeppara Manna und Zepparedda entstanden ist. Dank der Bildung eines lehmigen und undurchlässigen Bodens speichern sie das Regenwasser bis in den Sommer hinein und bilden so eine wertvolle Wasserreserve für die Tierwelt.“

Fotoziel Bewegungsdynamik
Am Eingang hängt ein großes Stück Korkeichenrinde, geschmückt mit einer idealisierten Kampf-Szene zweier Wildpferde, die sich auf den Hinterhufen gegenüber stehen. So etwas vor die Linse zu bekommen würde mir gefallen, dachte ich. Man kann ja mal träumen … 🙂 Die meiste Zeit grasen die Pferde friedlich und ohne Stress miteinander. Ich versuchte es mit Beobachten und Warten auf den besonderen Moment. Wobei ich mir fast ein bisschen fies dabei vorkam, in dieser friedlichen Atmosphäre auf Auseinandersetzungen zu hoffen. Aber sie gehören zum Leben dieser Wildpferde dazu.
Ein Leithengst führt normalerweise eine kleine Herde von Stuten und Fohlen an. Die männlichen Jungtiere verlassen mit dem Erwachsenwerden die Herde und versuchen nach einer Single-Phase selbst zum Leithengst eines kleinen Familienverbandes aufzusteigen. Wenn sich einer mit diesen Ambitionen einer bestehenden Herde nähert, gefällt das dem amtierenden Leithengst natürlich nicht. Es gibt Signale – Wiehern, Alert-Pose, gesenkter Kopf. Wenn der Rivale sich trotzdem weiter annähert wird er vertrieben – oder übernimmt am Ende die Herde. Auf dem Foto über diesem Absatz ist zu sehen, wie der dunkle Leithengst seine Stuten vor dem links heran drängenden Rivalen abschirmt und davon treibt. Im Anschluss an die hier festgehaltene Szene, nachdem die Stuten in Sicherheit gebracht waren, wurde der Rivale vertrieben.
Die Signale vor einer sich anbahnenden Auseinandersetzung durch Beobachtung der Herde zu erkennen, hilft, im entscheidenden Moment die Kamera mit den richtigen Einstellungen bereit zu haben. Dann passiert es! Die Kopfhaltung im oberen Foto rechts signalisiert, dass sich gleich etwas anbahnt. Der junge Rivale kommt der Herde zu nahe. Die Kamera ist mit T>=1/1000s und dem verfolgenden Autofokus eingestellt. Natürlich aus einiger Entfernung, die fliegenden Hufe und die Bewegungsdynamik sind respekteinflößend.
Beobachten und Warten
Bei der im Foto über diesem Absatz festgehaltenen Auseinandersetzung hat der Leithengst sich behauptet, obwohl er schmächtiger ist, als der Rivale. In meinem Büchlein „I Cavallini della Giara“ heißt es, nicht die Größe, sondern Geschicklichkeit und Beweglichkeit im Kampf wären auf der Hochebene ein positives Evolutionsmerkmal gewesen. Für das Foto oben habe ich die Herde über mehrere Tage viele Stunden lang beobachtet. Das heißt konkret, im Schatten unter einer Korkeiche gesessen, Zistrosen-Aroma geschnuppert, die Landschaft genossen und ihnen zugeschaut. Dankbar dafür, dass ich diese Momente erleben durfte. Dabei konnte ich in aller Ruhe Mutter-Kind Interaktionen innerhalb der Herde erleben.
Die Fohlen werden im Frühjahr geboren und sind sofort selbständig. Sie folgen den erwachsenen Tieren zum Fressen in die Marschwiesen und ins Wasser. Zusätzlich werden sie auch noch gesäugt. Rührend fand ich die Szene, bei der sich ein von herumschwirrenden Fliegen belästigtes ganz kleines Fohlen an die Mutter anschmiegte. Diese hat ihm dann immer wieder mit dem Schweif die aufdringlichen Insekten aus dem Gesicht gewedelt.
Nicht so richtig verstanden habe ich hingegen, was sich auf dem Foto unten links zwischen Mutter und Kind abspielt. Ob das Kleine gebissen, sanft angestubbst oder energisch zur Eile angetrieben wurde, bleibt für mich unklar. Die Geschwindigkeit, mit der die Sache sich abspielte, war einfach zu hoch. Im rechten Foto, das nur einen Sekundenbruchteil später entstand, wirkt das Verhältnis der beiden wieder recht innig.

Hier nun zum Abschluss eine Galerie mit einigen Bildergebnissen der letzten Exkursionen. Die Bilder 5-10 sind eine Sequenz, die ein Kräftemessen zwischen zwei rivalisierenden Hengsten zeigt. Meine Favoriten sind die Nr. 2 und 9. Und welches gefällt dir am besten? Über deinen Kommentar freue ich mich!
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Che dire!!!
Stupende..
Altrettanto bello ed emozionante è stato partecipare a questa bellissima uscita insieme a te.
Descrivi il modo esatto tutte le emozioni, dinamiche e difficoltà che abbiamo provato in questa uscite.
Sono tornata a casa stanca, distrutta ma soddisfatta di aver portato a casa anche io qualche bello scatto.
Se posso dire le mie preferite anche per me la 9 e la 3.
ma tutte belle e uniche,.
ancora una volta complimenti..
Appena possibile ti mando qualche mio scatto.
Grazie Michaela.
Grazie mille, Vittoria. Alla prossima!
Saluti
Michaela
Liebe Michaela,
was für tolle Fotos. Sowohl die „stillen“ Fotos mit den Portraits oder stehenden Tieren wie auch die mit der Action gefallen mir gut. Besonders schön finde ich die dunklen Pferde, die so schön im Sonnenlicht glänzen. Ich bin begeistert.
Liebe Grüße
Gisela
Liebe Gisela,
vielen Dank für deinen Kommentar. Die dunklen Pferde sind belichtungstechnisch immer ein Balance-Akt – ähnlich wie bei schwarzen Katzen oder Vögeln. Da ist immer einiges Auszusortieren. Bei weichem Licht, also dünnen Schleierwolken und im Zeitfenster früh morgens oder zum Abend wurde das einfacher. Bei Gegenlicht fast unmöglich. Und manchmal habe ich mit den dunklen Pferden auch einfach nur Glück gehabt.
Michaela